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LAUFZEIT 02/2004
Der Weg zum guten Stil
Von Hubert Fehr
Laufkoordinationsübungen haben einen doppelten Zweck: einmal
als Laufgymnastik beim Einlaufen und zum Zweiten zur Schulung des
Laufstils. Sie helfen uns, besser in den Lauf hineinzukommen. Nicht
selten kommt man ja direkt vom Arbeitsplatz zum Training. Der Körper
ist meist etwas zusammengesackt, eine leistungssteigernde Streckung
der Gliedmaßen fällt zunächst schwer. Häufig
sind bei sitzender Tätigkeit die Hüftbeuger verkürzt,
die weitere tiefe Rumpfmuskulatur blockiert. Neben dem Dehnen sollte
man daher die zentralen Laufgymnastikübungen in seine Trainingsroutine
aufnehmen.
Neben der Dehnwirkung haben diese Bewegungsaufgaben eine paradoxe
Wirkung, sie wirken erst einmal störend: Bewegungsfluss und
Gleichgewicht werden einigermaßen durcheinander gebracht,
aber diese Störwirkung führt zu einer nachfolgenden Optimierung
der gesamten Körperkoordination. Auch die Sinnesorgane sprechen
prompter an; die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit
werden messbar besser.
In den zeitigen Frühjahrsmonaten stimulieren Koordinationsläufe
Spritzigkeit, Schnelligkeit und die Lauftechnik für schnelleres
Tempo – und bereiten so die Tempoarbeit in den nächsten Monaten
vor.
Schule des Laufens
Gezieltes koordinatives Training baut man am besten zweimal pro
Woche an Tagen mit geringer Trainingsbelastung ein. Das gilt um
so mehr für die Läufer, die leistungsorientiert trainieren.
Eine präzise Bewegungsausführung ist Voraussetzung für
die Trainingswirksamkeit. Wie alle technisch exakt vorgegebenen
Bewegungen brauchen Koordinationsläufe volle Aufmerksamkeit
und Wachheit. Nach anstrengender Konditionsarbeit sind sie zwecklos,
die zentralnervöse und auch die lokale Muskelermüdung
lassen dann keine genaue Bewegungsausführung mehr zu.
Man kann mehrere Durchgänge der Koordinationsaufgaben und
der speziellen Kombinationen absolvieren. 3 bis 6 mal trainiert
man einen Übungskanon von 6 bis 8 Aufgaben. Länger als
30 Minuten sollte eine Laufschuleinheit nicht dauern.
Alle Formen der Koordinationsläufe können mitein-ander
kombiniert werden. Kombinationen von z. B. Fußgelenksarbeit
(20 m) mit Skipping (20 m), Skipping mit Kniehebelauf, Kniehebelauf
und Anfersen oder Kniehebelauf und Storchengang sind sinnvoll und
können je nach Zielsetzung Anwendung finden. Die Strecke sollten
dabei 40 m aber nicht überschreiten.
Weitere Kombinationen: Im Wechsel 4 x Fußgelenksarbeit/4
x Kniehebelauf, 4 x Fußgelenksarbeit/4 x Anfersen, 4 x Kniehebelauf/4
x Anfersen.
Einlaufen im Trainingsalltag
- Einlaufen beginnt immer mit 5 bis 10 Minuten sehr lockerem
Eintraben.
- Darauf folgt eine dehnende und auflockernde Laufschulgymnastik
aus den Übungen 1 bis 7, gelegentlich wird eine Übung
ergänzt oder ausgetauscht.
- Stretching-Übungen.
- Immer sollten allerdings Körpererfahrungsaufgaben (wie
Gehen auf den Fußinnen- bzw. außenseiten, weitere
siehe unten) dazugehören, diese „justieren“ gleichsam wieder
die Bewegungsrückmeldung.
- Zwei- bis dreimal in der Woche stehen auch Steigerungsläufe
im Programm, eventuell in Kombination mit dem Skipping bzw. Kniehebelauf
ausgeführt: 20 m Skipping oder Kniehebelauf, daraus der Übergang
in den Sprint (maximal 90 %) über 30 m. Oder eine Dreier-Kombination
von 15 m Fußgelenksarbeit, daraus flüssiger Übergang
zum Kniehebelauf (20 m) und aus dem Kniehebelauf dann der Sprint
(90 Prozent) über 30 m. Auf eine sorgfältige und technisch
saubere Bewegungsausführung achten!
- Die Pause bzw. der Rückweg zwischen den Übungen erfolgt
gehend oder im Zuckeltrab.
Koordinationsläufe macht man am wirkungsvollsten auf der Laufbahn
und Stadion- bzw. Parkrasen. Dort ist der Boden eben und fest, so
dass man sich voll auf die Lauftechnik konzentrieren kann. Ebene
Parkwege und Rasenflächen sind aber ebenfalls recht gut geeignet.
Auf Rasen kann man die Laufschule in der wärmeren Jahreszeit
auch barfuß durchführen und so zusätzlich die Füße
stabilisieren.
Koordinations- und Einlaufübungen
1. Eintraben und "Eintanzen":
In das langsame Laufen Armkreisen und Hopserlauf mit Armkreisen
einbauen. Hopserlauf: Sie landen wieder auf dem gleichen Bein, von
dem Sie auch abgesprungen sind. Betonter Fußballenabdruck
und deutlicher Kniehub. Die Arme schwingen mit und unterstützen
den Beinabdruck. Bleiben Sie zwischen-durch stehen und "tanzen"
Sie am Ort mit Ausschütteln der Beine.
2. Körperfahrungsaufgaben:
Die körperliche Reaktion und Wahrnehmung weckt man durch ein
Aktivierungsprogramm der Fußsohlen mit Belastung des Innen-
und Außenrandes der Fußsohle, mit Fersen- bzw. Ballenlauf.
Das Gefühl für die Körperlage gewinnt man mit: Wechsel
zwischen Laufen mit starker Vor- bzw. Rücklage oder Laufen
mit voller Körperstreckung und im Gegensatz dazu Laufen im
Schlappschritt.
3. Fußgelenkslauf:
Ein sehr federnder Lauf – fast mehr ein Gehen – über den Fußballen;
drücken Sie sich dabei elastisch aus dem Fußgelenk ab.
Der Fußballen setzt sehr steil und betont auf – dieses Aufsetzten
ist ein sehr aktives, fast "patschendes" Aufschlagen -
und rollt dann ganz aktiv, fast auf den Boden stoßend auf
die Ferse ab. Eine aktive Bewegung aus den Fußgelenken bei
geringem Kniehub und mit betonter Hüftstreckung. Hohe Schrittfrequenz
bei geringer Schrittlänge. Die Wirkung: Die Achillessehne wird
kurz überdehnt und aktiviert auf diesem Weg die Muskelspindeln
der Wade.
4. Skipping:
mit hoher Schrittfrequenz und geringerem Kniehub. Die Körperhaltung
ist aufgerichtet, bis auf eine leichte Körpervorlage dem Kniehebelauf
weitgehend gleich. Die Knie werden nicht nur nach oben geführt,
die Aufmerksamkeit zielt auf "das Knie nach vorne schieben".
Die Arme schwingen parallel zum Körper, die Hände verkrampfen
nicht. Die Füße setzen exakt parallel auf, die Streckung
im Sprunggelenk erfolgt betont. Das Skipping löst man mit einem
lockeren, kurzen Sprint auf.
5. Kniehebelauf:
Es ist ein Lauf praktisch auf der Stelle, wobei der Oberschenkel
bis in die Waagerechte geführt wird. Kopf und Rumpf sind aufrecht,
die Schultern sind entspannt. Hüft-, Knie- und Fußgelenk
des Abdruckbeins werden vollständig gestreckt. Auf keinen Fall
darf man in der Hüfte "absitzen". Die ruhige und
stabile Oberkörperposition – ohne Vor- bzw. Rücklage –
kann man gut kontrollieren, indem man die Arme nach oben streckt
und so Ober- und Unterkörperaktion isoliert.
6. Tanzmariechen oder Storchenlauf:
Eine Aufgabe, die den Tanzmariechen im Karneval abgesehen wurde:
Aus dem langsamen Lauf wird der Oberschenkel bis zu Waagrechten
gehoben, der Fuß danach schräg nach vorne hoch gekickt.
In diesem Augenblick erfolgt auch der kräftige Abstoß
aus dem Fußgelenk des Standbeins.
7. Anfersen:
Aus dem Trablauf oder dem Lauf auf der Stelle fersen Sie gegen das
Gesäß an. Die Hüfte ist betont gestreckt. Variieren
kann man die Körpervorlage. Aus dem Anfersen in den Lauf übergehen!
Kontrollvariante: Anfersen mit hängenden Armen und entspanntem
Oberkörper.
Anspruchsvolle Variante: deutliches Abspringen vom Standbein. Erfordert
gutes Lagegefühl, entwickelt aber auch wirkungsvoll die unabhängige
Koordination der Beine.
8. Hürdengang:
Aus dem Gehen wird das im Kniegelenk gebeugte Bein seitwärts
abgespreizt und neben dem Körper nach vorne geführt –
genau wie der Hürdensprinter beim Überlaufen der Hürde.
9. Überkreuzlauf:
Im seitlichen Lauf überkreuzen sich die Beine abwechselnd vor
und hinter dem Körper. Der Oberkörper kontrolliert den
Lauf mit hoher Muskelspannung. Die Arme sind seitlich ausgestreckt
oder werden fest in die Hüfte gestützt. Beim Überkreuzen
des vorderen Beines wird das Knie sehr hoch geführt.
10. Wechselsprünge/Prellhopser
: Aus der Schrittstellung springt man beidbeinig ab. Der Beinwechsel
findet in der Flugphase statt. Aus der Landung erfolgt sofort der
erneute Absprung („Prellhopser“). Oberkörper und Kopf sind
aufrecht, beim Absprung erfolgt eine vollständige Streckung
von Hüfte, Knie- und Fußgelenk. Die Armbewegung unterstützt
kräftig den Beinabdruck.
11. Steigerungsläufe:
Hier geht es um die gute Koordination aller Laufelemente: Im langsamen
Lauf kontrolliert man Körper- und Kopfhaltung, Fußbewegung,
Beinstreckung sowie Armzug. Dann steigert man den Lauf zu einem
lockeren Sprintlauf (max. 80-90 Prozent des Sprintvermögens),
wobei die optimale Koordination immer aufrechterhalten wird. Steigerungsläufe
sind zumeist 70-90 m lang, wobei der Sprintlauf über 20-30
m erfolgt, die letzten Meter läuft man locker aus. Solche Steigerungsläufe
sollten immer am Ende eines Koordinationsprogramms stehen.
Das richtige SchuhwerkAuf rutschigem, tiefem und
unebenem Boden sind spezielle Schuhe besser. Eher grobstollige (Profilsohle),
stabilere und fest geschnürte Crosslaufschuhe stützen
und führen den Fuß besser. Oft sind sie auch recht wasserabweisend.
Spikes (die an den Fersen gepolsterten Langstreckenspikes) sind
bei Wettkämpfen von Vorteil, dann fühlt man sich bei entsprechenden
Bodenverhältnissen nicht wie bei der Andernacher Springprozession:
Zwei Schritte vor, einen zurück.
Natürlich kann man sein gesamtes Lauftraining im Winter bzw.
zeitigen Frühjahr ins Gelände verlegen. Cross-Lauf verlangt
aber gute Sicht und man wird häufig aus beruflichen Gründen
nicht immer bei ausreichend Tageslicht trainieren können. Zweimal
in der Woche sollte man in der Wintersaison jedoch einen Geländedauerlauf
absolvieren. Die Belastungsvielfalt ergibt sich durch das Streckenprofil,
durch die Anstiege und Bergabstrecken. Fahrtspiel ist die angemessene
Trainingsmethode. Schnelle Abschnitte wie leichtes Gefälle
kann man zu Steigerungsläufen über 30 bis 50 Meter nutzen
und so Temporeize setzen.
Koordinationsläufe zur Startvorbereitung
Leichtathleten nutzen seit langer Zeit Koordinationsaufgaben,
um sich sehr gezielt vor dem Start auf die große dynamische
Bewegungsbeanspruchung im Wettkampf vorzubereiten. Die aktivierende
Wirkung im Aufwärmprogramm ist ebenso wie der gymnastische
Effekt offensichtlich. Für die Wettkampfvorbereitung ist besonders
auf die konzentrierte, wache Ausführung zu achten. Dann tritt
die gewünschte aktivierende Wirkung ein. Auf ausreichende,
den Atem beruhigende Gehpausen zwischen den einzelnen Aufgaben achten,
um nicht in einen leistungsmindernden, überstarken Vorstartzustand
zu geraten. Nach dieser Vorbereitung 5 bis 10 Minuten Pause vor
dem Start.
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LAUFZEIT 02/2004
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